Wiener-Ferienspiel

Das Wienerferienspiel findet bereits seit einigen Jahren im ÖBSV – auch Louis Braille Haus genannt statt. Es wird stets in den Energieferien, die auch als Semesterferien bezeichnet werden, für Kinder jeder Altersgruppe veranstaltet. Mehrere Stationen sorgen für Unterhaltung und sollen auf diese Weise den ungezwungenen Kontakt zu sehbehinderten und blinden Menschen herstellen. Da die Besucher auch selbst Gelegenheit haben, Vieles mit verbundenen Augen auszuprobieren, bekommen sie einen Eindruck davon, wie man ohne zu sehen schreibt, zeichnet, kegelt, mit dem Blindenstock Hindernisse umgeht, was man am Geruch oder Geschmack erkennt uvm. Die Blindenhunde-Vorführung weckt Begeisterung und Erstaunen und viele gehen mit zahlreichen neu gewonnenen Erkenntnissen und weit weniger Vorurteilen oder Scheu gegenüber blinden Menschen nach Hause.

Ich arbeitete im Februar 2002 als Helferin bei der Blindenschriftmaschine, Mike, ein sehender Student, an den Zeichenblöcken und Ernst, ein ebenfalls sehender Mitarbeiter, in der Kegelbahn. Wir waren im Untergeschoß einquartiert und somit in diesem Bereich ein Team. So kann ich hauptsächlich nur über diese Tätigkeiten schreiben, da ich sie hautnah miterlebte.

Es muss erstens enorm viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben worden sein und sich zweitens diese Woche des Ferienspiels inzwischen großer Beliebtheit erfreuen, denn manchmal war der Ansturm der Kinder so enorm, dass wir Mühe hatten, ihn zu bewältigen. Wir ließen uns aber trotzdem nicht stressen, weil wir auch auf jedes Kind, zumindest ein bisschen, eingehen wollten. Wir hätten sie wegen Überforderung auch durchschleusen können, doch wir gaben ihnen bewust die Möglichkeit, sich zu informieren, einzubringen und kreativ zu betätigen.

Kinder stehen um mich, eines sitzt am Brailler und schreibt

Einige stellten sich am Perkins Brailler – das ist die Bezeichnung für die Blindenschriftmaschine – sehr geschickt an. Auf Kärtchen durften sie selbst ihren Namen schreiben. Ich sagte ihnen die Tastenkombinationen für jeden einzelnen Buchstaben an oder zeigte mit den Fingern darauf, wenn die Aufregung zu groß oder das Kind zu klein war, um schreiben zu können. Zum einfacheren Auffinden waren alle Tasten auf der Maschine mit Zahlen von 1 bis 6 beschriftet. Aus diesen Punkten besteht das Blindenschrift-Alphabet, das meine Freundin Petra Raissakis auf ihrer Homepage anschaulich für sehende Menschen abgebildet hat. Die Punkte sind nur zur Ansicht für sehende Menschen schwarz nachgezeichnet, sonst sind sie farblos, weil sie ja lediglich tastbar sein müssen. Wir verteilten dazu genau diese Blätter, damit jedes Kind die Möglichkeit hatte, sein geschriebenes Wort zu vergleichen.

Hinter mir arbeitete Mike mit vier Zeichenbrettern. Die Kinder bekamen eine schwarze Stoffbrille aufgesetzt, damit sie nicht sehen konnten, was sie zeichneten oder schrieben und setzten sich begeistert ans Werk. Auf den Brettern sind Plastikfolien, in die man mit einem Griffel Linien zieht, je nachdem was man machen will. Durch die nachgebende Gummibeschichtung wird jede Linie erhaben und kann so mit den Fingern ertastet werden.

Mike erklärt einem Kind, dass es mit der zweiten Hand ertasten kann, was es gerade zeichnet.

So können auch blinde Menschen „begreifen“, wie manche Dinge aussehen oder welche Form sie haben. Es war gar nicht so einfach, ohne das gewohnte Sehen ein Haus, die Sonne, Blumen etc. zu zeichnen oder den eigenen Namen zu schreiben. Das Schönste für uns war, mit welchem Eifer und welcher Konzentration sich die Kleinen und Größeren an die gestellten Anforderungen heranwagten. Ich konnte auch bemerken, wie Mike die Arbeit an den Zeichenbrettern Spaß machte. Er erklärte den Besuchern jeden Handgriff, spornte sie lobend an, wenn sie sich mal nicht so recht trauten und gab ihnen ihre Zeichnungen mit. Einziger Wermutstropfen für ihn war, dass seine Finger ganz schön unter dem vielen Ein- und Ausspannen der Folien litten und er ab dem zweiten Tag nur noch mit Pflastern arbeiten konnte. Damit wir einen besseren Überblick hatten und mehr auf die Kinder eingehen konnten, standen wir, bis auf die Mittagspause, mehr oder weniger gebeugt über Schreibmaschine und Zeichenbrett, was uns leichte Kreuzschmerzen einbrachte, die wir aber gern in Kauf nahmen.  

Natürlich ließ sich Niemand die Kegelbahn entgehen, wo Ernst auch jedem Kind eine Stoffbrille aufsetzte.

Ernst mit vielen Kindern in der Kegelbahn

Der Boden ist unterschiedlich strukturiert und mit den Füßen gut zu erkennen. Der Mittelweg, den man mit der Kugel in der Hand nach vor geht, ist glatt, links und rechts davon ist ein geripptes Noppenmuster. Wenn man mit einem Fuß in die Bahn gerät, also übertritt, hört man ein akustisches Signal. Für manche Kleinkinder war die Kugel zu schwer, sodass Ernst ihnen helfen musste, damit sie überhaupt hinausrollte. Er erklärte ihnen jeden Schritt und machte sie darauf aufmerksam, dass sie sich nur aufs Spüren mit den Füßen und Hören der Signale konzentrieren sollen. Dann marschierte er mit ihnen zu einer horizontalen Tafel, auf der man die umgefallenen Kegel mittels herausstehender Stifte erfühlen konnte. Setzen die Kegel wieder auf, ertönt erneut ein akustisches Signal als Zeichen, Bahn frei. Ich weiß nicht ob es Kinder gibt, die nicht gerne kegeln, auf jeden Fall hatte Ernst immer Hochbetrieb und Mühe, die Kids darauf aufmerksam zu machen, dass noch andere Stationen auf sie warteten und ihnen sonst die Zeit davonlaufen würde.

Ernst, Mike und ich wurden in nur kurzer Zeit ein gut aufeinander abgestimmtes Trio. Wir halfen zusammen, verstanden uns gut und hatten auch jede Menge Spaß, ob nun während der Arbeit mit den Kindern oder in den Pausen.

Diese Tage haben auch mir viel gebracht, denn ich hatte große Freude daran, den wissbegierigen Kindern die Blindenschrift zu zeigen, und war manchmal direkt gerührt, wie stolz sie waren, wenn sie ihren selbst teilweise mühsam getippten Namen herumzeigten und eifrig mit dem Alphabet verglichen, ob sie auch ja keinen Fehler gemacht hatten.

Sollte ich in den kommenden Jahren wieder die Möglichkeit bekommen, mich aktiv an dieser Aktion zu beteiligen, so werde ich das sicher tun.


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Letztes Update 09. Februar 2002
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