Wenn ich Jemanden mit einer guten, womöglich noch durchtrainierten Figur gesehen habe, hat mir das immer schon imponiert. Muskelpakete allerdings gefallen mir weder bei Männern noch bei Frauen.
Auf den Gedanken zu laufen brachten mich Alexandra und Lilly. Ihre schlanke Oberschenkel
und der flache Bauch beeindruckten mich, da war keine Cellulite, kein Gramm
Fett. Ihre edle Figur wollte ich auch haben, obgleich ich mir bewusst war, sie sind jünger und ich bin keine zwanzig mehr. Doch welchem Mann
gefällt nicht eine hübsche Frau, wenngleich Äußerlichkeiten in einer Beziehung nicht wirklich
die Hauptrolle spielen sollten?
Mein weicher und älter werdender Körper begann mich zunehmend
zu nerven. Aß ich ein bisschen mehr, wurde mein Bauch rundlicher und meine
Oberschenkel stärker, trotzdem ich mit 1,60 Metern 52 Kilo wog. Doch die
Proportionen stimmten nicht mehr ganz. An Stellen, wo es mir überhaupt nicht passte, hatte ich im Laufe der Zeit kleine Fettpölsterchen angesetzt.
So zog ich fest entschlossen Turnschuhe, eine Jogginghose und ein T-Shirt an und sauste am
voll Elan aus dem Haus. Dieser erste Versuch scheiterte jedoch kläglich, denn ich lief mit zu hohem Tempo und zu großen Schritten einfach drauflos. Bereits nach einer viertel Stunde ging ich langsam, außer Atem, erschöpft und resigniert wieder heim. Ich erzählte Lilli enttäscht von meinem ersten Laufversuch. Sie riet mir, ganz langsam und mit kleinen Schritten anzufangen, 3 Minuten laufen, 2 Minuten gehen, das maximal 30 Minuten und wenn möglich 3 x die Woche.
Beim zweiten Versuch genierte ich mich. Ich hatte das Gefühl, die Leute schauten mich mitleidig oder abschätzig an, weil ich so langsam und unsicher, typisch für einen Anfänger, lief. Und wieder kehrte ich mutlos heim. Aber warum ließ mich dieses Laufen nicht los, warum zog es mich immer noch hinaus? Ich verstand es nicht. Ich hätte doch einfach nur aufzugeben brauchen und daheim zu bleiben, wäre wesentlich einfacher gewesen.
Beim nächsten Mal lief ich in der Wohnung meine Runden, auch wenn es im Grunde nichts bringt. Hier war ich wenigstens unbeobachtet und hielt die Zeiten genau ein. Ich konzentrierte mich auf kleine Schritte, versuchte die Arme im richtigen Rhythmus mitschwingen zu lassen und auf dem Mittelfuß aufzusetzen. Anfangs achtete ich auch auf die Atmung, stellte aber fest, dass sich die von alleine regelt.
Nach drei „Stubenrunden“ wagte ich mich wieder außer Haus und
stellte fest, ich hatte weniger Probleme. Freilich schmerzten die Waden noch
immer ziemlich und brannten die Bronchien, aber ich schaffte die halbe Stunde. Ich fühlte mich sicherer und war das erste Mal ein bisschen stolz auf mich. Vorübergehende Leute irritierten mich nur mehr am Rande und diese Erkenntnis baute mich noch mehr auf. Die heiße Dusche danach war angenehmer als sonst und das Frühstück schmeckte auch besser als bisher, was für mich ebenso ein neues Erlebnis war.
Lilli machte mir weiterhin Mut und lobte mich, was in mir weitere Begeisterung auslöste.
Bei
der Suche im Web nach Laufseiten sammelte ich zusätzliche Informationen rund um dieses Hobby und trug mich in Foren ein, um Fragen zu stellen.
Die ersten drei Wochen kosteten mich trotz kleiner Erfolge noch viel Überwindung, Ernegie und Kraft.
Lilli riet mir, auf Grund meiner wachsenden Laufintensität, zu Laufschuhen, denn mit den normalen Turnschuhen seien Läufe für
den Fuß sehr belastend. Ich hatte eh bemerkt, dass ich hart und ungedämpft auf dem Asphalt aufsetzte und die Erschütterungen, die ich im ganzen Körper deutlich spürte, unangenehm waren. Ich schob es aber auf meine mangelnde Lauferfahrung. Also ging ich in einen bekannten Laufshop.
Aber genier, bei der Schuhbestimmung stellte ich mich im Sportgeschäft auf dem Laufband sehr ungeschickt an, denn ich hatte keine Erfahrung imUmgang mit solchen Geräten.
Doch der Verkäufer war einfühlsam, lauferfahren und kompetent und fand sofort den richtigen Laufschuh für mich.
Die nächsten zwei Wochen war ich damit beschäftigt, mich an die neuen Schuhe zu gewöhnen. Sie waren, im Gegensatz zu handelsüblichen Turnschuhen, mehr gepolstert und hatten eine optimale Dämpfung. Ich setzte weicher auf und es lief sich unkomplizierter und einfacher. Ich lief nicht mehr so kantig sondern der Bewegungsablauf wurde fließender. Inzwischen schaffte ich doch schon 7 Minuten durchzulaufen.
Ich weiß nicht mehr genau wann es geschah, auf jeden Fall war es an einem trüben, kühlen Morgen. Ich hatte ausgiebig geschlafen und war auch sonst gut aufgelegt. Während des Laufens dachte ich gar nicht wie sonst an die Minuten, sondern an irgendetwas, das mir durch den Kopf ging. Nebenbei genoss ich die wolkenverhangene Morgenidylle. Als ich auf die Uhr schaute, waren zehn Minuten um, ohne dass mir die Bronchien brannten und die Waden wehtaten. Da hats irgendwie klick gemacht, ich fühlte mich auf einmal frei, hatte das Gefühl schweben zu können, genoss die frische Luft und wollte meine Laufstrecke erweitern. Ich lief erstmals 40 Minuten mit 3 Gehpausen und seither ist es um mich geschehen. Sport-BH und Pulsmesser folgten ebenso, wie Laufbekleidung und ich erweiterte mein Wissen und meine Laufrunden.
Inzwischen werde ich direkt unrund, wenn ich nicht 3-mal die Woche jogge. Ich fühle mich stark und stolz, wenn ich an Menschen vorbeilaufe, immerhin erarbeitete ich mir diesen Freizeitgenuss trotz meiner Sehbehinderung und den damit verbundenen Problemen ganz alleine und trotzte allen Anfangshürden. Andere Läufer irritieren mich nicht mehr im Gegenteil, ich beobachte - so gut es mir möglich ist - ihren Laufstil, ihr Tempo oder ihre Kleidung. Doch weil ich meist gegen halb neun am Morgen außer Haus gehe, kommen mir selten Leute entgegen und ich kann mich ganz auf mich konzentrieren.
Über ein Monat ist seit dem letzten Eintrag vergangen Zeit, in der sich wenig für den Betrachter und doch viel für mich getan hat. Inzwischen laufe ich die 16. Woche. Weil es jetzt im Mai schon ziemlich warm geworden ist, habe ich mir einige kurze Lauftights gekauft und vor allem einen Trinkgurt. So habe ich meine Flasche *lächel* stets bei mir, ebenso wie das Handy und den Schlüssel. Seit ein paar Einheiten laufe ich ca. eine Stunde durch, mal schneller, mal langsamer. Das Spiel mit dem Tempo macht mir nach wie vor Spaß und die Pulsuhr ist reine Kontrolle. Fühle ich mich fit und wohl, achte ich kaum darauf, komme ich außer Atem oder Takt, genügt ein Blick und ich weiß warum. Das Laufen macht mir mehr Freude denn je. Jetzt in den Sonnenaufgang zu starten ist einmalig schön und noch kühl, denn unter Tags wird es föhnbedingt ohnedies zu heiß. Ich rieche mit jedem Atemzug die blühende Natur und die leuchtend gelben Rapsfelder sind eine wahre Augenweide. Gänseblümchen und Löwenzähne raufen sich um einen Stehplatz und der Flieder zeigt sich von seiner üppigsten Pracht. Traktoren fahren auf den Feldern und die Bauern, an denen ich so oft vorbeilaufe, begrüßen mich inzwischen freundlich, weil ich vertraut geworden direkt schon zum Landschaftsbild gehöre.
Im Fitnesscenter bin ich mittlerweile auch heimisch geworden. Ich kenne mich gut aus, komme mit den Geräten zurecht und bin in der Woche zweimal eifrig bei der Sache.
Fünf Monate sind wie im Flug vergangen und von Wärme und Sonnenschein ist keine Rede mehr. Der Herbst hat Wien erfasst und während es in den meisten Städten, die von Bergen umrahmt sind, oft heiter und föhnig ist, regiert hier der Hochnebel und drückt die Temperaturen. Im vergangenen Restwinter lief ich mit der guten alten Leggings und einem Strickpullover, da ich ja nicht wusste, ob mir diese neu ausprobierte Art des Sports überhaupt gefällt. Weil dem aber zunehmend so ist, habe ich mir erst vor kurzem ein neues Outfit zugelegt. Alexandra hat mich in ein Sportfachgeschäft begleitet und mich aus ihrer eigenen Erfahrung heraus bestens beraten, recht herzlichen Dank dafür. Die gelbe Jacke "leuchtet" direkt, was in dieser dunklen Jahreszeit nur von Vorteil sein kann. Sie hat zusätzlich am Rücken einen reflektierenden Streifen und ist wind- und wasserabweisend. Darunter trage ich einen Fleecepullover, der schön warm und flauschig ist. Er transportiert den Schweiß rasch vom Körper weg, sodass man sich nicht verkühlen kann. Die Laufhose ist innen flauschig weich und außen ebenfalls wasser- und windabweisend. Ist es recht kalt, habe ich mir eine Haube und dicke Laufhandschuhe gekauft. Jetzt brauche ich nur noch geeignete Laufschuhe für diese Jahreszeit.
Nun ist der da, der von Vielen lang ersehnte Winter. Nur mir könnte er gestohlen bleiben, zumindest in der Großstadt. Ich friere eh so leicht und die letzten Wochen hatten wir immer ordentliche Minusgrade. Der Schnee ist im Stadtgebiet bald braun und weil in den letzten Tagen an die 25 cm gefallen sind, türmen sich teilweise mannshohe Schneewächten. Wenn die Sonne scheint, blendet die "weiße Pracht" nicht nur mich, sogar im Radio werden die Autofahrer aufgefordert, auf erhöhte Blendwirkung zu achten und dementsprechend zu fahren. Nun denn, des einen Freud ist des anderen Leid, doch ich lasse mich durch keine Naturkapriolen vom Laufen abhalten. Ich habe mir geeignete Laufunterwäsche gekauft und eine Thermolaufhose. Auch neue Laufschuhe mussten her, die wasserdicht waren, denn mit den Sommerlaufschuhen aus großteils Stoff schwimmt man mehr :-). Die selbe Jacke, die ich auf dem Herbstfoto in gelb habe, kaufte ich mir in rot, man braucht ja schließlich was zum wechseln. Eine warme Laufhaube aus Fleece und dichte Handschuhe trotzten jeder Käte.
Das schreibe ich, damit ich den Lesern zeigen kann, dass man sich trotzdem nicht demotivieren lassen sollte, denn Erkrankungen gehören zum Leben
Ab und zu erfasst mich ein grippaler Infekt. Selbst wenn ich mich im Alltag so weit wieder fit fühle, der
Körper gibt beim Laufen eindeutige Zeichen mittels Kopfweh und vorzeitiger Erschöpfung, dass er noch nicht so weit gesundet ist.
Da hilft der ganze Bewegungsdrang und die Laufsucht nichts, ich muss zumindest bis zu 14 Tage warten - je nachdem, wie arg ich verkühlt bin - ehe ich wieder voll einsetzbar bin. Man glaubt gar nicht, wie rasch Muskeln oder Kondition abbauen. Kaum zwei oder drei Wochen nichts getan, stellen sich leichte Anfangsanzeichen wie brennende Bronchien, Wadenschmerzen, schnell außer Atem kommen und frühzeitige Erschöpfung ein. Wenn man bedenkt, wie lange man braucht, um seine jeweilige Fitness zu erreichen und wir schnell der Abbau geht, dann ist das mitunter schon frustrierend.
Knieschmerzen, die aus heiterem Himmel Mitte Oktober 2002 anfingen, zwangen mich zu Laufpausen bzw. ich musste dazwischen immer gehen, weil die Schmerzen beim Laufen so arg wurden, dass ich unmöglich hätte weiterlaufen können. Anfangs war ich deprimiert und unglüclich darüber doch ich ließ mich trotzdem nicht irritieren.
Der Orthopäde hat mir erstens eine Kniebandage empfohlen, mit der ich drei Monate später wieder laufen konnte und überwies mich zweitens an eine Magnetresonanz-Untersuchung. Ergebnis: Ich hatte schlicht und ergreifend eine beginnende Abnutzung. Zuerst wusste ich nicht, sollte ich nun froh darüber sein (nichts ernstes) lachen oder verwundert den Kopf schütteln. Ich, um die 40, und schon Abnutzungserscheinungen? Aber er meinte, so etwas hätten viele Menschen, ihnen würde es nur nicht auffallen, weil sie keinen Sport ausübten. Mein Körper hatte sich offenbar noch immer nicht an die Sportlerei gewöhnt, also ließ ich ihm Zeit und die Chance, sich damit anzufreunden.
Was ich im Februar 2003 zum ersten Mal genießen durfte, ist Laufen am Meer und zwar auf einer Malediveninsel mit dem Namen Velavaru. Entweder vor Sonenaufgang oder kurz nach Sonnenuntergang war dies möglich, da die Temperatur nicht unter 29° sank. Der angenehme Wind, das lauwarme Meer, der sandige "weiche Teppichboden", die Meerluft, das waren auch 2004, 2005 und 2006 einmalige Lauferlebnisse.
Eines ist sicher: Ich werde das Laufen und Training im Fitnesscenter nicht mehr aufgeben, dazu macht es mir viel zu viel Freude, auch wenn das einige nicht verstehen und meinen, Sport ist Mord. Jeder soll tun wie er glaubt und einfach den anderen akzeptieren.
Willys Laufreff Makrolon Runners
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Letztes Update 20. September 2007
© by Burgi Bänder, Wien